Der Star verschwindet von den Wiesen

Ein Paradebeispiel für den Hunger in der Vogelwelt

Jeder kennt das alte Kinderlied „Alle Vögel sind schon da, Amsel, Drossel, Fink und Star…“. Diese Feststellung muss leider heute immer stärker hinterfragt werden, denn „alle Vögel“ sind schon längst nicht mehr da. Zumindest beim Letztgenannten muss es eher lauten: Wo ist der Star denn noch da?

 

Neumünster, 19. Juni 2018: Der Star ist vom NABU gekürter Vogel des Jahres 2018 und steht damit etwas mehr im Mittelpunkt als in vergangenen Jahren. Da wurde er auch von den Naturschützern weitgehend „vergessen“ und übersehen, denn er gehörte und gehört auch immer noch zu den häufigsten Vogelarten Deutschlands. Viele Menschen berichten uns im Starenjahr von Ihren Beobachtungen, etwa davon, dass Vogelfütterungen von Starentrupps belagert werden, aber vor allem, dass weniger Stare zum Brüten kommen als früher. Helmut Brücher aus Brandenburg, Vorstandsmitglied des Deutschen Rats für Vogelschutz, hat auf seinem Hof 26 Starenpaare, die erfolgreich brüten. Viele von ihnen balzen und eine erste Brut haben sie vielleicht noch durch bekommen. In diesem über Wochen trockenem Frühjahr wurde jedoch kein Nistmaterial für eine bei Staren übliche Zweitbrut herbeigebracht, und tatsächlich sind Bruten in Trockenjahren meist erfolglos oder werden sogar vorzeitig abgebrochen.

Auch Bernd Koop achtet seit Jahren auf den Star, denn er gehört mit dem munteren Gesang, den vielen Imitationen, den eindrucksvollen Chorgesängen und den riesigen Schlafgemeinschaften zu seinen Lieblingsvögeln. Hier berichtet der avifaunistische Leiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein und Hamburg über erschreckende Beobachtungen aus dem Osten Schleswig-Holsteins, die uns aufgeschreckt haben und mit der schlimmen Vermutung zurücklassen, dass auch in anderen Regionen in Deutschland ähnliche Entwicklungen vor sich gehen, die mit mehr als dem Wetter zu tun haben.

Aber lesen Sie selbst: „Noch im Zeitraum der großen Vogelinventur ADEBAR 2005-2009 gab es in der eigentlichen Stadt Plön etwa 50-60 Starenpaare. Bisher habe ich 2018 nur 3 Paare im Neubaugebiet am Suhrer See, 2 Paare im Apfelgarten an der Prinzeninsel, 1 Paar an der Badestelle Trammer See und 2 Paare am Waldrand des Parnass sowie 1 Paar am Schöhsee festgestellt. Ich hatte die Hoffnung, in der Fütterungszeit über die lauten Bettelrufe der Jungen noch neue Vorkommen zu finden, aber bisher Fehlanzeige: In Plön sind es noch 9-10 Brutpaare. Das Traditionsvorkommen auf der Prinzeninsel ist nun aufgegeben worden, ebenso die Vorkommen im Schlossgarten (eine alte Lindenallee mit Sportplatz), die weiteren Paare bei Plön liegen bereits außerhalb des Stadtgebietes.

 

Auch in den Dörfern nördlich von Plön ist der Bestand zusammengebrochen (Lebrade, Rathjensdorf, Bendfeld, Krummbek). Im Schaalseegebiet ist der Star seltener als die Hohltaube! Auch dort sind die meisten Dörfer (Kittlitz, Mustin, Goldensee, Seedorf) weitgehend verlassen, überall nur noch einzelne Paare. An Waldrändern, typischen Star-Lebensräumen, fehlt er ebenso weitgehend. 2017 bestand die größte „Kolonie" im EU-Vogelschutzgebiet „Waldgebiete in Lauenburg“ aus 4 Paaren am Biobetrieb Ritzerau. Am 16. Mai sah ich null Stare auf einer frisch gemähten und abgeräumten Grünlandfläche bei Seedorf/RZ: Hier hätten sich Stare konzentrieren müssen, wenn es sie denn noch gäbe. Das kann man nur als absolutes Desaster betrachten: Eine der ehemals häufigsten und damit ökologisch bedeutendsten Arten verschwindet aus der Lebensgemeinschaft der Kulturlandschaft!

Das Problem ist ziemlich eindeutig die fehlenden Nahrung: Dort, wo viel beweidetes Grünland an Wälder grenzt, gibt es noch einige Starenbruten am Waldrand. Am 12. Mai gab es im Bereich des Gutes Nehmten (Sepel-Nehmten) noch ca. 25-30 Paare, die fleißig fütterten. Hier ist der Bestand seit 1986 „nur“ um die Hälfte zurückgegangen. 2014 sah ich, dass Stare im Bereich Marxdorf/Wahrendorf (Ostholstein) nicht mit den üblichen fetten Schnakenlarven flogen, sondern mit viel „Kleinkram“ ankamen. Angaben zum Brutvorkommen des Stars im Sachsenwald aus den 1980er Jahren beschrieben Brutvorkommen bis 2 km tief im Wald. Das bedeutet Flugstrecken von 2 km und mehr zum Grünland, welches entsprechend nahrungsreich gewesen sein muss. Heute schaffen sie es kaum noch genügend Nahrung zu finden, wenn die Flugstrecke mehr als 500 m beträgt: Der Kleinkram bietet nur wenig „Netto von Brutto“, also viele Chitinschalen, aber wenig Nahrhaftes. Alle Plöner Stare aus 2018 haben eigentlich kurze Strecken zum Grünland, nur etwa 300 m über den Trammer See zu von Graugänsen und Schafen kurzgehaltenen Inseln und Halbinseln.

Höhlenmangel und Prädation können nicht das Problem sein, zumindest nicht im Wald, wo die Spechte als Höhlenbauer deutlich zugenommen haben und ihrerseits guten Bruterfolg haben müssen (sonst gäbe es diese Zunahme nicht). Wenn manche Gartenbesitzer nur Nistkästen aufhängen brauchen um Stare zu beherbergen, dann gelingt das nur noch dort, wo günstige Nahrungsbedingungen herrschen. Das kannte ich aus den 1990er Jahren auch aus Lebrade bei seinerzeit noch 40-45 Paaren im Dorf.

Welche Faktoren mit welchem Anteil diese Misere bewirken, ist nicht bekannt, wohl aber ist klar, was alles negativ wirkt:

Gründe für den Staren-Rückgang

  • Grünlandumbruch: Die Verringerung des Dauergrünlandes v.a. am Waldrand verlangt vom Star längere und weitere Futterflüge. Umstellung von Weidewirtschaft auf Silagewirtschaft: Diese Intensivierung mit kurzen Mahdintervallen lässt die Flächen schnell verarmen, da der Tiermist fehlt, der Insekten anlockt.
  • Entwässerung: Für frühe Schnitte muss das Grünland früh trocken sein und zu viel Feuchtgrünland wird immer noch in artenarmen Acker umgewandelt; kommt dann die häufige Frühjahrstrockenheit hinzu, ist das Nahrungsangebot gering.
  • Giftspritze: Gegen Schnaken (die Larven sind Hauptnahrung junger Stare) wurde früher gezielt gespritzt. Dies bedeutete eine Vergiftung und Reduzierung der Nahrung.
  • Kollateralschaden Ivermectin: Wo fast nur noch Pferde weiden, die regelmäßig mit Antihelminthica behandelt werden, vergiftet der Kot der Pferde Wirbellose im Boden. Auch das führt zu einer massiven Nahrungsverknappung, ganz besonders im Zusammenhang mit Trockenheit.
  • Wo Grünland- und Schutzgebietsanteil sehr hoch sind (Flussniederung von Eider, Treene usw.) haben sich Stare dagegen besser gehalten als in Ackerbaugebieten: Es gibt also immer noch Ausweichmöglichkeiten.

Das Schicksal des Stars scheint an einem Punkt angekommen zu sein, wo sein Sozialverhalten ihm jetzt den „Rest“ geben könnte: Stare sind gesellig, und wo nur noch einzelne Paare existieren, geben diese die Brutplätze auf, weil sie alleine sind und ihr natürliches Schwarmverhalten, z.B. der Chorgesang mit den Nachbarn, nicht mehr stattfindet. So sind 2018 auch in Plön zwei Einzelvorkommen erloschen, wo 2016 noch jeweils 2-3 Paare brüteten.

Der Star ist somit ein klassisches Beispiel für das völlige Versagen des administrativen Naturschutzes, wenn die Rahmenbedingungen wie Landwirtschaft und ähnliche Nutzungen nicht an die Mindesterfordernisse im Naturschutz angepasst werden: Was nützen auf dem Papier ausgewiesene Schutzgebiete, wenn die Gebiete in Art, Umfang und Intensität wie bisher intensiv beansprucht werden?

Wie oft betonten Politiker, Natur- und Umweltschutz seien „Querschnittaufgaben für die gesamte Politik“, wie oft sollte Agrarpolitik schon „grüner“ werden (grün ist sie ja, wenn ich mir die Blütenarmut auf den Wiesen ansehe…). Beim Schutz des Stares könnte die Politik ihren ernsthaften Willen mit echten, wirksamen Maßnahmen beweisen, so dass diese volkstümlich bekannte Vogelart nicht verschwindet! Und eben nicht nur sie, sondern viele andere Arten auch. 2018 hat die Dohle in Plön einen katastrophalen Bruterfolg, die Altvögel haben fast alle Brutplätze bereits Ende Mai aufgegeben und fliegen abends zu den Gemeinschaftsschlafbäumen. Auch die Dohle ist auf Wirbellose im Grünland angewiesen…

Für den Star ist es - kaum zu glauben - nicht mehr 5 vor 12, sondern 2 vor 12. Und die Uhr tickt!“

 

Quelle: Bernd Koop